#5/8: Sabbaticals, Schönheit, Sea of Sameness

Shownotes

In dieser Folge von „Less of the Same“ spricht Charlotte Buffler mit Stefan Sagmeister – Designer, Künstler, Provokateur, Kreativstar und jemand, der wie kaum ein anderer weiß, wie man der Sea of Sameness entkommt. Es geht um die Frage, wie echte Kreativität entsteht, warum Pausen radikaler sein können als Produktivität – und was Glück, Schönheit und Disziplin damit zu tun haben.

Sagmeister hat Plattencover für die Rolling Stones und Lou Reed gestaltet, ikonische Designbücher veröffentlicht und Ausstellungen rund um die Welt gemacht. Gleichzeitig hat er sein Studio immer wieder für ein Jahr zugesperrt, um Sabbaticals einzulegen – in New York, Indonesien, Mexiko, in den Alpen. Was nach Luxus klingt, beschreibt er als Überlebensstrategie gegen Routine, Wiederholung und kreative Abstumpfung.

Wir sprechen über:

  • Sabbaticals als radikale Kreativtechnik: Warum ein Jahr Auszeit oft mehr bringt als zehn Jahre reibungslose Produktivität – und wieso man dafür Mut braucht.
  • Angst und Risiko: Wie eine Einladungskarte mit Nacktbild fast einen Kunden gekostet hätte – und am Ende vier neue gebracht hat.
  • Glück und Kreativität: Warum schlechte Phasen selten gute Arbeit hervorbringen – und weshalb Lebensfreude ein ernstzunehmender Produktivitätsfaktor ist.
  • Pläne ohne Plan: Was passiert, wenn man ein Sabbatical ohne Struktur startet – und warum ein Stundenplan für Ideen manchmal der beste Rahmen ist.
  • Schönheit statt Gleichförmigkeit: Was Sagmeisters „Beauty Project“ über globale Ästhetik verrät – und warum Instagram-Ästhetik uns alle ähnlicher macht, als uns lieb ist.
  • Sea of Sameness: Wie Globalisierung, Social Media und Effizienzlogik dazu führen, dass Marken, Räume und Bilder überall gleich aussehen – und wie man bewusst dagegensteuert.
  • Neugier als Gegenmittel: Warum es nicht an Informationen mangelt, sondern an tiefer Beschäftigung – und weshalb weder KI-Zusammenfassungen noch Self-Help-Bücher allein glücklich machen.
  • Disziplin vs. Inspiration: Was Sagmeister von Picasso, Warhol und Lou Reed gelernt hat – und wieso Durchhalten und Freude an der Arbeit kein Widerspruch sind.

Ein zentrales Thema der Folge: Wie schafft man in einer Welt voller Templates, Trends und Best Practices noch echte Abweichungen? Sagmeister beschreibt, warum Pausen nicht Faulheit, sondern bewusste Unterbrechungen von Routinen sind – und wie daraus Arbeiten entstehen, die ihm wirklich am Herzen liegen.

Weitere Themen:

  • Warum Sabbaticals sein Studio grundlegend verändert haben – von kommerziellen Jobs hin zu Ausstellungen, Skulpturen und langfristigen Projekten.
  • Wie man mit eigenen Ängsten umgeht, wenn man gegen den Strom schwimmt – beruflich, kreativ, biografisch.
  • Weshalb globale Vereinheitlichung nicht alternativlos ist – und wie wir wieder mehr Mut für das Ungewohnte entwickeln können.
  • Was Glück mit Beziehungen, Arbeit und etwas Größerem als einem selbst zu tun hat – inspiriert von Jonathan Haidts Forschung.

Sagmeisters Haltung: Kreativität braucht Risiko, Pausen und eine ernsthafte Beschäftigung mit den eigenen Themen – nicht nur mehr Output. Seine Einladung: Nimm Lebensfreude ernst, plane deine Pausen so bewusst wie deine Projekte und trau dich, Dinge zu machen, für die es noch keine Blaupause gibt.

Diese Episode ist für alle, die sich fragen, wie sie in einem global gleichgeschalteten Ästhetik-Feed eine eigene Haltung entwickeln können, warum Mut oft mit Unterbrechung beginnt – und wie man Gestaltung, Glück und Langfristigkeit neu zusammendenkt.

Mehr zur Reihe „LOTS – Less of the Same“ und weitere Folgen findest du auf der Website.

**Danke fürs Zuhören! **

Transkript anzeigen

00:00:03: Herzlich willkommen bei Less of the Same, dem

00:00:07: Podcast gegen kreative Eintönigkeit.

00:00:10: Wir leben in einer Zeit, in der Kreativität

00:00:13: theoretisch überall ist und sich trotzdem sehr vieles

00:00:17: sehr gleich anfühlt.

00:00:19: Algorithmen liefern uns mehr vom gleichen.

00:00:21: Feeds reproduzieren, Ästhetiken, Marken optimieren auf das, was

00:00:25: ohnehin schon funktioniert hat.

00:00:27: Und Kommunikation war wahrscheinlich selten effizienter, aber auch

00:00:32: selten so vorhersehbar.

00:00:35: Genau darüber sprechen wir hier.

00:00:36: Nicht über Best Practices, sondern über Brüche.

00:00:39: Über Ideen, die aus dem Raster fallen.

00:00:42: Über Menschen, die sich trauen, Dinge anders zu

00:00:44: denken.

00:00:45: Und heute ist einer dieser Menschen hier zu

00:00:47: Gast.

00:00:47: Er ist Designer, er ist Künstler, Provokateur, Ästhet

00:00:51: und wahrscheinlich einer der wenigen Österreicher, die international

00:00:55: als Kreativstar gelten.

00:00:57: Während man hierzu immer noch darüber diskutiert, ob

00:01:00: er jetzt Designer, Philosoph oder einfach nur ein

00:01:03: bisschen verrückt ist.

00:01:04: Er hat Plattencover für die Rolling Stones und

00:01:07: für Lou Reed gestaltet.

00:01:08: Er hat Designbücher geschrieben.

00:01:10: Er hat Ausstellungen auf der ganzen Welt gemacht.

00:01:13: Und jetzt ist er hier, beziehungsweise fast, also

00:01:16: in New York.

00:01:17: Aber dank moderner Technologie überbrücken wir auch diese

00:01:21: knapp 7000 Kilometer.

00:01:23: Stefan Sargmeister, welcome to the show.

00:01:25: Hallo Charlotte, hallo.

00:01:27: Du darfst dir jetzt hier einen tausenden Applaus

00:01:29: um mich herum vorstellen.

00:01:30: Hier ist es ja jetzt mittlerweile schon zu

00:01:32: späterer Stunde, deswegen leert sich die Agentur.

00:01:35: Aber vielleicht wollt ihr mal klatschen?

00:01:38: Ja, zählt.

00:01:41: Du hast ja gerade eine Ausstellung mit dem

00:01:45: Titel I Look Like This mit Postern, die

00:01:48: du dir selbst als Selbstporträt durchgehen lässt.

00:01:52: Die ältesten sind schon über 30 Jahre alt

00:01:55: und die neuesten, sagst du, sind quasi gestern

00:01:57: fertig geworden.

00:01:58: Wenn du diese Arbeiten heute alle nebeneinander siehst,

00:02:01: siehst du da more of the same Stefan

00:02:05: oder siehst du da less of the same

00:02:07: und sehr viel unterschiedliche Stefans sozusagen?

00:02:12: Nein, ich glaube, da hat sich schon was

00:02:14: geändert.

00:02:16: Natürlich, so wie ich ausschaue.

00:02:19: Ich habe vor 30 Jahren anders ausgeschaut wie

00:02:22: heute, aber auch von der Richtung her hat

00:02:25: sich was geändert.

00:02:26: Also ich glaube, ich war wie wahrscheinlich die

00:02:30: meisten jungen Leute in einer Situation, wo Provokation

00:02:39: notwendiger war, was jetzt als 63-Jähriger nicht

00:02:47: mehr so notwendig ist.

00:02:52: Ich glaube, das erste Poster, das drin ist,

00:02:54: ist eigentlich gar kein Poster, sondern eine Vergrößerung

00:02:58: der Studioeröffnungskarte, die damals nackt war und

00:03:07: als Design-Ding sehr effizient funktioniert hat, weil

00:03:15: wir haben damals eine Postkarte drucken lassen, das

00:03:18: hat ein paar hundert Dollar gekostet.

00:03:21: Dadurch, dass das damals, also das ist 1993,

00:03:25: so ungewöhnlich war, ist diese Postkarte in Dutzenden,

00:03:29: also in vielen Dutzenden Design-Magazinen und teilweise

00:03:33: auch in Nicht-Design-Magazinen abgebildet worden.

00:03:36: Das heißt, wir waren also mit einer extrem

00:03:41: geringen finanziellen Auslage mit einem Schlag präsent auf

00:03:49: der internationalen Szene.

00:03:51: Das war so nicht geplant oder gedacht.

00:03:55: Es war aber so, dass ich mich damals

00:03:59: selber winden musste, weil ich selber ein bisschen

00:04:05: Angst davor hatte und dann hatte ich damals

00:04:07: eine Partnerin, die sagte, du wirst den einen

00:04:10: Kunden, den du hast, verlieren, garantiert, wenn du

00:04:12: das machst.

00:04:15: Ich habe es dann aber trotzdem gemacht, aber

00:04:17: mit einem flimmernden Bauchgefühl und war dann, ich

00:04:24: glaube, ein Monat oder zwei später bei meinem

00:04:27: einzigen Kunden im Büro und der hatte ein

00:04:30: rein weißes Büro und auf der Wand ist

00:04:33: nur ein Ding gehangen und das war meine

00:04:35: Eröffnungskarte.

00:04:36: Da war noch ein Post-it drauf und

00:04:39: auf dem stand, the only risk is not

00:04:42: to take any risks.

00:04:45: Der Kunde hatte, wie sich dann herausstellte, vier

00:04:48: Firmen und wir haben noch die Identities für

00:04:51: alle vier gemacht.

00:04:52: Das heißt, aus dem einen Kunden wurden auf

00:04:55: einen Schlag vier.

00:04:57: Das heißt, das hat auch wirklich funktioniert und

00:05:01: die folgenden Posters oder Dinge, die Hürde

00:05:11: der Angst, die ich überspringen musste, war viel

00:05:13: niedriger.

00:05:14: Die Hürde der Angst vielleicht niedriger, aber gleichzeitig

00:05:18: die Hürde, es muss wieder etwas ganz Besonderes

00:05:22: und Provokantes werden, ist dann wiederum höher, oder?

00:05:24: Ja, aber ich habe da irgendwann schon auch

00:05:27: verstanden, dass das jetzt nicht immer einfach mehr

00:05:32: werden kann.

00:05:34: Es wäre ja möglich gewesen, in die Provokation

00:05:42: der Nacktheit zum Beispiel viel tiefer rein zu

00:05:45: gehen, pornografisch zu werden oder das war mir

00:05:50: aber schon klar, dass das nicht die Richtung

00:05:52: sein kann.

00:05:53: Schön übrigens 1993, das wusste ich gar nicht,

00:05:56: da sind schon mindestens zwei gute Sachen entstanden.

00:05:59: Alles klar.

00:06:00: Guter Jahrgang.

00:06:06: Du hast ja 1993 dein erstes Studio eröffnet,

00:06:10: hast du gerade gesagt.

00:06:11: Du hast ja dann über die Jahre mehrere

00:06:14: Studios nicht ganz so schlecht eröffnet und gemacht

00:06:18: und du hast deine Studios aber jetzt jahrelang

00:06:23: jeweils für ein Sabbatical immer wieder geschlossene.

00:06:27: Und in einer Welt, die permanent produktiv sein

00:06:30: will, ist das ja auch schon fast radikal.

00:06:35: Sind Pausen vielleicht der effektivste Weg, um aus

00:06:40: dieser Sea of Sameness, aus diesem immergleichen auszubrechen?

00:06:45: Also für mich auf jeden Fall, ohne jeden

00:06:47: Zweifel.

00:06:48: Ich glaube die Sabbaticals sind mit Abstand die

00:06:52: beste Strategie, die ich je verwendet habe, um

00:06:57: die Gleichheit zu durchbrechen.

00:07:00: Das ist ja auch im Prinzip das Ziel

00:07:02: der Sabbaticals, also eben aus der Routine, in

00:07:06: der man von selber hineinkommt, wieder herauszufallen.

00:07:12: Das war auch wirklich der Grund für das

00:07:14: erste Sabbatical, brauchte damals auch Mut für mich.

00:07:18: Also ich glaube, da sind wir eh schon

00:07:19: bei den zwei in den 35 Jahren, in

00:07:23: denen es das Studio gibt, würde ich sagen,

00:07:27: da war die Eröffnungskarte und wahrscheinlich das erste

00:07:30: Sabbatical waren die zwei Schritte, wo ich wirklich

00:07:33: Mut fassen musste, weil ich natürlich beim ersten

00:07:37: Sabbatical gedacht habe, die Kunden werden alle gehen,

00:07:43: wir werden vergessen werden, meine Eltern werden das

00:07:47: für unprofessionell halten.

00:07:49: Ich hatte da lauter Ängste, die sich dann,

00:07:53: als ich es trotzdem gemacht habe, als unwahr

00:07:55: herausgestellt haben.

00:07:57: Also die Kunden sind wiedergekommen nach dem Jahr,

00:08:00: der Lurie hat sogar sein Albumcovers Erscheinungsdatum verschoben,

00:08:09: damit wir das Cover noch machen konnten.

00:08:15: Und mit meinen Eltern war das okay und

00:08:20: wir sind nicht vergessen worden, weil das war

00:08:23: das erste Sabbatical, oder?

00:08:25: 1993 war das Studioeröffnung, Jahre 2000, wenn du

00:08:29: dich zurück erinnerst, oder wahrscheinlich du warst sieben,

00:08:32: wirst du dich nicht zurück erinnern, aber das

00:08:34: war ein Höhepunkt des ersten Internet-Booms.

00:08:38: Das heißt, meine Kollegen waren sehr damit beschäftigt,

00:08:43: so viel Geld wie möglich hereinzubekommen, weil das

00:08:47: natürlich der erste Internet-Boom sehr lukrativ war.

00:08:51: Und darum war das sehr ungewöhnlich, dass wir

00:08:55: zugesperrt haben für ein Jahr.

00:08:58: Und das hat wahnsinnig viel Presse verursacht, also

00:09:00: das heißt, wir haben beim Nicht-Arbeiten mehr

00:09:03: Presse bekommen wie durchs Arbeiten und wurden also

00:09:07: dadurch auch nicht vergessen.

00:09:09: Also das hat im Prinzip dann alles funktioniert

00:09:11: und dann war das zweite, dritte und vierte

00:09:13: Sabbatical eigentlich ohne Angstschranke zu haben.

00:09:18: Aber insgesamt, oder jetzt vor allem, weil ich

00:09:21: schon vier gemacht habe und jetzt auch zurückblicken

00:09:24: kann darauf, ist, ich würde sagen, der größte

00:09:28: Vorteil wäre, dass, wenn ich die Arbeit anschaue,

00:09:36: die wir in den 35 Jahren gemacht haben,

00:09:39: und die sortiere nach, was hat Sinn gemacht,

00:09:43: was von dieser Arbeit ist jetzt nahe am

00:09:47: Herzen, dann würde ich sagen, der Großteil der

00:09:51: mir am Herzen liegenden Arbeit hatte seinen Ursprung

00:09:59: in den Sabbaticals.

00:10:01: Das heißt, ohne den Sabbaticals hätte ich den

00:10:04: Großteil nie gemacht.

00:10:07: Und das wäre natürlich ein komplett anderes Studio,

00:10:09: ein komplett anderer Werdegang.

00:10:12: Und zum Zweiten würde ich sagen, ist das

00:10:16: wahrscheinlich die beste Strategie, die sicherstellt, dass ich

00:10:21: Design immer noch als Berufung ansehen kann und

00:10:26: nicht nur als Beruf.

00:10:28: Weil durch die Wiederholung werden auch gute Jobs,

00:10:35: gute Arbeiten, gute Richtungen einfach nicht mehr so

00:10:39: spaßig, nicht mehr so interessant.

00:10:43: Und da sind die Sabbaticals ausgezeichnet, da wieder

00:10:47: einen neuen Weg zu finden.

00:10:49: Wir hatten letztes Jahr eine größere Ausstellung hier

00:10:52: in New York.

00:10:53: Das war so ein bisschen Respo...

00:10:55: Jetzt weiß ich das Wort schon nicht mehr.

00:10:57: Also das war eine Retrospektive.

00:10:59: So, jetzt kriege ich es raus.

00:11:01: Und das war ganz klar, das wurde nach

00:11:05: Sabbaticals eingeteilt.

00:11:06: Also die ersten sieben Jahre, die zweiten sieben

00:11:09: Jahre, die dritten und die vierten, weil sich

00:11:11: das Studio so stark verändert hat.

00:11:15: Immer nach dem Sabbatical.

00:11:17: Wenn du heute auf diese Sabbaticals zurückblickst, was

00:11:19: würdest du sagen war der wichtigste oder der

00:11:22: wichtigere Effekt?

00:11:24: Neue Ideen oder eben auch ein neues Verhältnis

00:11:28: zur Arbeit wiederzufinden?

00:11:30: Beides, beides.

00:11:32: Also die Sabbaticals waren immer sehr, sehr verschieden.

00:11:36: Das erste war in New York, da habe

00:11:38: ich fast nur an Ideen gearbeitet oder Konzepten,

00:11:41: gar nichts fertiggestellt.

00:11:43: Das zweite war in Indonesien, da haben wir

00:11:46: relativ viel fertiggestellt und den Happy Film angefangen.

00:11:50: Aber wir haben relativ viel Möbel fertiggestellt.

00:11:53: Das dritte war in drei Städten.

00:11:59: Das war Mexico City, Tokio und ein kleines

00:12:02: Dorf in den österreichischen Alpen.

00:12:06: Da ging es vor allem um Beauty.

00:12:09: Das war der Grundstamm für die Beauty Show

00:12:15: und das Buch.

00:12:16: Und das vierte ging es eigentlich um das

00:12:20: Thema, an dem ich schon länger arbeite, um

00:12:22: Langzeitdenken.

00:12:24: Aber eben auch in verschiedenen Städten.

00:12:27: Das war in Madrid und in Guadalajara in

00:12:29: Mexiko.

00:12:31: Und da ging es eigentlich um ein Thema,

00:12:34: an dem ich schon einige Zeit gearbeitet hatte.

00:12:38: Also von dem her ungewöhnlich am gleichen Thema

00:12:40: weiterzuarbeiten.

00:12:41: Aber da ging es darum, in verschiedene Richtungen.

00:12:45: Das heißt, ich habe zum ersten Mal Bronze

00:12:47: Skulpturen gemacht oder diverse Installationen.

00:12:52: Das ging auch wahrscheinlich am meisten in die

00:12:59: gleiche Richtung wie das, was ich zuvor gemacht

00:13:01: habe.

00:13:01: Und das hatte sehr viel damit zu tun,

00:13:04: dass durch die ersten drei Sabbaticals mein Studio

00:13:07: zu einem Sabbatical Studio geworden ist.

00:13:10: Das heißt, wir machen seit vielen Jahren keine

00:13:14: kommerziellen Arbeiten mehr.

00:13:17: Und das muss natürlich trotzdem auf finanziell tragbaren

00:13:22: Füßen stehen.

00:13:24: Das heißt, wir machen eine Mischung aus Ausstellungen

00:13:28: in Institutionen, aber auch Ausstellungen in kommerziellen Galerien,

00:13:33: wo Dinge verkauft werden.

00:13:35: Und machen hier und da, wenn es einen

00:13:37: Kunden gibt, dem unser Langzeit-Thema gut gefällt

00:13:41: und der bereit ist, das zu publizieren auf

00:13:47: einem Produkt oder einem Mural oder was auch

00:13:49: immer, dann machen wir das auch.

00:13:51: Aber wenn es darum geht, irgendein Ding zu

00:13:55: bewerben oder zu promoten, dann machen wir es

00:14:01: nicht.

00:14:01: Nicht weil ich das Verkaufen plötzlich nicht mehr

00:14:06: mag, sondern weil ich das Gefühl habe, ich

00:14:08: habe genug von dem gemacht.

00:14:11: Wie darf ich mir das vorstellen?

00:14:12: Gehst du schon mit einer Idee oder mehreren

00:14:15: Ideen in ein Sabbatical rein, sodass man da

00:14:18: endlich mal Zeit hat, das zu Ende zu

00:14:19: denken?

00:14:20: Oder versuchst du dir möglichst den Kopf freizuhalten?

00:14:22: Was passiert in so einem kreativen Hirn, wenn

00:14:25: es nicht mehr die ganze Zeit produziert?

00:14:28: Ich finde das persönlich extrem schwer, weil der

00:14:31: Kopf ja automatisch in allem irgendwie eine Idee

00:14:34: sieht.

00:14:34: Und so, oh, da könnten wir was machen

00:14:36: und da könnten wir was machen.

00:14:37: Ich muss mich ja schon ohne Sabbatical immer

00:14:39: bremsen.

00:14:41: Also das war bei mir so, dass ich

00:14:43: das erste Sabbatical ursprünglich geplant habe ohne Plan,

00:14:49: weil ich ein großer Planer bin und gedacht

00:14:51: habe, das möchte ich jetzt komplett anders machen.

00:14:53: Und das hat bei mir überhaupt nicht funktioniert.

00:14:55: Also der Plan, das ohne Plan zu machen,

00:15:00: da war ich die ersten paar Wochen einfach

00:15:01: busy, ich war beschäftigt, aber nichts ist rausgekommen.

00:15:05: Und die Organisation des Sabbaticals, vor allem des

00:15:08: ersten, war zu schwierig und hat zu viel

00:15:11: Kraft gebraucht, als dass ich das zulassen hätte

00:15:16: wollen, dass da nichts rauskommt am Schluss.

00:15:19: Und darum habe ich so nach drei Wochen,

00:15:23: in denen ich frustriert war, eine komplett andere

00:15:27: Richtung eingeschlagen und habe einen Plan gemacht.

00:15:30: Und ich hatte den Vorteil damals, das habe

00:15:32: ich immer noch, dass ich ein Business-Tagebuch

00:15:36: schreibe.

00:15:37: Und ich bin durch das Business-Tagebuch durchgegangen

00:15:40: und habe geschaut nach Stellen, wo ich mich

00:15:43: darüber beschwert habe, dass ich das und das

00:15:45: gerne machen würde, aber ich habe keine Zeit

00:15:47: dafür.

00:15:48: Und ich habe mal Liste von diesen Dingen

00:15:50: gemacht.

00:15:51: Da waren ein paar nicht mehr interessant, die

00:15:54: habe ich rausgestrichen, ein paar sehr wohl noch

00:15:56: interessant und habe die nachher, je nach Wichtigkeit,

00:16:00: in wöchentlichen Stundenzahl eingeteilt.

00:16:05: Und so hatte nachher Adam Gleas einen Stundenplan

00:16:08: wie in der Volksschule.

00:16:09: Also so Montag 8 bis 10 das und

00:16:12: 10 bis 12 das und am Nachmittag das

00:16:15: und so weiter.

00:16:17: Und bin dann rausgekommen, dass das funktioniert hat

00:16:20: und dass ich nach ein paar Monaten, drei,

00:16:23: vier Monaten, diesen Plan nicht mehr brauchte, weil

00:16:25: dann waren so viele Projekte am Laufen, dass

00:16:28: ich das auch ohne Plan machen konnte.

00:16:30: Schön, das klingt nach einer sehr gelungenen Freizeitgestaltung.

00:16:33: Endlich mal alles machen, worauf man Lust hat.

00:16:35: Du hast dich ja für die Happy Show

00:16:38: und auch für den Happy Film mit Methoden

00:16:42: auseinandergesetzt, wie man besonders glücklich wird.

00:16:45: Also das waren Therapie, Meditation und Medikation, richtig?

00:16:49: Genau, ja.

00:16:50: Heute würde man wahrscheinlich einfach googeln, wie werde

00:16:54: ich glücklich und bekommt dann eine KI-Zusammenfassung

00:16:56: in fünf Sekunden und hat dann da die

00:16:59: besten Tipps zusammengefasst.

00:17:01: Man muss sich ja durch diese KI-Zusammenfassung

00:17:03: inzwischen nicht mal mehr durch unterschiedliche Perspektiven selbst

00:17:07: durchlesen, geschweige denn, sie selbst ausprobieren.

00:17:11: Geht uns dadurch was verloren und vielleicht noch

00:17:15: grundlegender, macht Neugier eigentlich glücklich?

00:17:21: Also ich würde es so sagen, das Problem

00:17:26: beim Glücklichwerden ist nicht die Information, sondern die

00:17:32: Beschäftigung mit der Information, die tiefe Beschäftigung mit

00:17:37: der Information und dadurch die Möglichkeit, dass sich

00:17:41: die Information wirklich ins eigene Leben umsetzen lässt.

00:17:46: Das größte Problem, würde ich jetzt mal nicht

00:17:49: von der KI reden, aber selbst das Problem

00:17:52: von den Selbsthelfbüchern, ist nicht, dass die Information

00:17:56: in so einem Buch falsch ist, da ist

00:17:58: viel richtig drin.

00:18:00: Das Problem ist, dass die Beschäftigung, die man

00:18:04: hat beim Buchlesen, das heißt zehn Stunden Buch

00:18:07: lesen, ist viel zu gering, als dass man

00:18:11: die darin enthaltene Funktion wirklich ins Leben einbauen

00:18:16: kann.

00:18:18: Ich hatte die Information, also ich kann es

00:18:25: kurz ausholen, ich habe in der Vorbereitung für

00:18:29: den Film und die Ausstellung gut 100 Bücher

00:18:34: gelesen.

00:18:37: Und eines der, ich würde sagen, das zehnte

00:18:41: Buch, das ich gelesen habe, war das von

00:18:42: Jonathan Haidt, das ich als das Beste von

00:18:45: den 100 fand.

00:18:47: Und ich habe danach nach den 100 gelesenen

00:18:49: den Jonathan kontaktiert und der war dann mein

00:18:52: wissenschaftlicher Berater.

00:18:55: Jonathan ist derzeit auch sehr viel in den

00:18:57: Medien, weil er dieses Buch geschrieben hat.

00:18:59: Er hat ein neues, der Anxious Generation über

00:19:02: Social Media, das hier, glaube ich, weltweit eine

00:19:06: große Wirkung hat.

00:19:08: Also ich glaube, sein Buch ist der Hauptgrund,

00:19:11: wieso jetzt zum Beispiel Indonesien oder Australien die

00:19:15: Social Media das Alter auf 16 erhöht hat.

00:19:23: Aber Jonathan hat in seinem Buch, das ich

00:19:26: ausgezeichnet fand, am Schluss eine Conclusion drin gehabt,

00:19:33: also eine Zusammenfassung, die ich verstanden habe, die

00:19:38: mir logisch erschienen ist und die ich habe

00:19:42: erst nach acht Jahren, ohne dass ich es

00:19:45: gemerkt habe, wirklich in mein Leben einbauen konnte.

00:19:49: Auf die Gefahr hin, dass ich acht Jahre

00:19:50: brauche, um es zu verstehen.

00:19:52: Wie würdest du es zusammenfassen?

00:19:53: Was war es?

00:19:55: Das Verstanden habe ich sofort, aber das Verstand,

00:19:58: das Verstehen und das wirklich Einbauen sind zwei

00:20:02: verschiedene Dinge.

00:20:03: Und was Jonathan geschrieben hat, ist, dass es

00:20:06: möglich ist, dass man dem Glück nicht nachrennen

00:20:08: kann, aber dass es möglich ist, alle seine

00:20:13: Beziehungen anzuschauen, die engen wie Partner, Familie, enge

00:20:19: Freunde, aber auch die weiten wie entfernte Bekannte.

00:20:23: Und man kann versuchen, diese Beziehungen auf eine

00:20:27: höhere Ebene zu stellen, wo dann gewisse Glücklichkeiten

00:20:34: dazwischen durchkommen können.

00:20:37: Und man kann das Gleiche versuchen in seinem

00:20:39: Beruf und das Gleiche versuchen in irgendwas, was

00:20:42: größer ist als man selber.

00:20:45: Und ich habe dann eigentlich im Sabbatical danach,

00:20:50: das war also das Dritte, das heißt, in

00:20:52: dem Sabbatical, wo ich an Beauty gearbeitet habe,

00:20:58: bin ich irgendwann draufgekommen, dass es mir jetzt

00:21:01: schon sehr, sehr lange sehr gut geht.

00:21:06: Und ich habe dann keine Listen mehr gemacht,

00:21:10: ich habe keine täglichen Noten mehr gegeben, was

00:21:13: ich während der Filmzeit, während den acht Jahren

00:21:16: gemacht habe.

00:21:17: Aber als ich darüber nachgedacht habe, war mir

00:21:19: klar, dass durch die Beschäftigung mit diesem großen

00:21:23: Thema der Schönheit, der Beauty, ich meinen Beruf

00:21:29: auf eine höhere Ebene geschraubt habe und teilweise

00:21:34: auch gezwungen hat, mir Leute auszusuchen, die mir

00:21:40: damit helfen.

00:21:42: Und das Thema selber, Schönheit im Allgemeinen, war

00:21:45: auf jeden Fall größer als ich.

00:21:47: Und das hat also auch wirklich funktioniert, aber

00:21:52: das Einbauen ins Leben funktioniert nicht, wenn man

00:21:58: kurz die KI fragt.

00:22:01: Verstehen tun das alle, dass das funktioniert, aber

00:22:05: das Einbauen ist eine schwierige Geschichte.

00:22:07: Und ich glaube, dass das sogar entgegengesetzte Wirkungen

00:22:15: hat, weil wenn man, also wurscht, ob das

00:22:19: mit der KI ist oder mein Buch liest,

00:22:21: dann das Gefühl hat, ich bin jetzt trotzdem

00:22:24: nicht glücklicher geworden, aber für andere muss das

00:22:27: funktionieren.

00:22:29: Also das kann eher noch zusätzliche Frustrationen auslösen.

00:22:34: Dass es sich dann fast wie ein Scheitern

00:22:35: anfühlt.

00:22:36: Ja.

00:22:41: Viele Kreative glauben ja, dass Leiden gute Kunst

00:22:46: hervorbringt.

00:22:48: Würdest du sagen, Glück macht bessere Kreativität oder

00:22:52: schlechtere?

00:22:53: Siehst du da einen Zusammenhang?

00:22:55: Das ist bei mir auf jeden Fall.

00:22:56: Also ich kann sagen, dass wenn es mir

00:22:59: schlecht geht, also das heißt, ich bin nie

00:23:02: richtig, also ich habe glücklicherweise keine großen Depressionen,

00:23:07: aber ich würde sagen, mein Leben geht so

00:23:09: in Sinuskurven.

00:23:14: Es gibt einfach Zeiten, wo es mir besser

00:23:15: geht.

00:23:16: Das kann Tage oder Wochen sein.

00:23:19: Und Zeiten, wo es mir schlechter geht, auch

00:23:21: Tage oder Wochen.

00:23:22: Aber ich bin nicht nie richtig depressiv.

00:23:25: Aber in Zeiten, wo es mir besser geht,

00:23:28: also wo ich eher an der Höhe dieser

00:23:30: flachen Kurve bin, bin ich um einiges produktiver

00:23:35: und auch nützlicher für meine Umwelt.

00:23:38: Also ohne jeden Zweifel.

00:23:40: Es kann natürlich sein, dass ich aus schlechten

00:23:44: Zeiten was lerne und das, was ich dann

00:23:51: gelernt habe, in guten Zeiten wieder umsetzen kann.

00:23:55: Aber in schlechten Zeiten bin ich nicht produktiv.

00:24:00: Was ist Kreativität zuträglicher, Disziplin oder diese Lebensfreude?

00:24:07: Beides würde ich annehmen.

00:24:10: Ja, beides.

00:24:11: Also eine gewisse Art von Disziplin ist sicher

00:24:14: notwendig, die aber natürlich dann viel einfacher zu

00:24:20: halten ist, wenn ich es mit Freude angehe.

00:24:23: Vielleicht eine Disziplin in Lebensfreude.

00:24:25: Ich finde, wir sollten Lebensfreude vielleicht eh viel

00:24:27: ernster nehmen.

00:24:28: Wenn ich zum Beispiel schaue, wer waren denn

00:24:36: die berühmtesten und erfolgreichsten Künstler des 20.

00:24:41: Jahrhunderts, waren wahrscheinlich Picasso und Warhol.

00:24:47: Und beide haben unglaublich viel gearbeitet.

00:24:51: Ich weiß, dass es nur im Warhol-Museum

00:24:56: 15.000 Arbeiten gibt.

00:24:58: Von Picasso wird geschätzt, dass er ungefähr 50

00:25:01: .000 gemacht hat.

00:25:03: Also das heißt, die beiden haben eigentlich andauernd

00:25:06: gearbeitet.

00:25:07: Und ich glaube, das war natürlich teilweise eine

00:25:12: Freude an der Arbeit, ein Muss, dass das

00:25:17: gemacht werden muss.

00:25:20: Und eine Disziplin.

00:25:22: Es gibt ja von Lurit ein Lied über

00:25:29: den Warhol, über die Arbeit, wo er schreibt

00:25:34: und singt.

00:25:40: Andy asked me how many songs I wrote

00:25:43: today.

00:25:43: And I lied and I said 10.

00:25:45: And then he said, well, you should have

00:25:47: written 15.

00:25:50: Also da ist sicher auch was dran an

00:25:54: der Disziplin.

00:25:56: Du hast gerade schon das Beauty Project angesprochen.

00:25:59: Das Beauty Project hat ja untersucht, was Menschen

00:26:01: schön finden.

00:26:03: Gleichzeitig fühlt sich heute Ästhetik oft sehr homogen

00:26:06: an.

00:26:07: Also Stichwort Instagram, da sieht irgendwie alles gleich

00:26:09: aus.

00:26:10: Wir haben gleiche Interiors, gleiche Markenbilder und alle

00:26:12: kopieren irgendwie so ein bisschen voneinander.

00:26:14: Sind wir gerade in einer Phase von ästhetischer,

00:26:18: globaler Vereinheitlichung?

00:26:20: Also auch hier wieder einer Sea of Same?

00:26:22: Das kommt natürlich leider Gottes automatisch.

00:26:26: Ich glaube, das ist einer der negativen Side

00:26:31: Effects der Globalisierung.

00:26:33: Es ist klar, dass wenn du vor 200

00:26:36: Jahren in einem österreichischen Tal gewohnt hast, mit

00:26:39: sehr wenigen Möglichkeiten, aus diesem Tal herauszukommen, hat

00:26:43: sich ein gewisser Brauch, aber auch die Sprache,

00:26:46: die Musik, natürlich eigenständig in diesem Tal entwickelt.

00:26:51: Also sieht man ja an jedem Eck und

00:26:54: Ende.

00:26:56: Und das wird natürlich von dem wird sehr

00:26:59: viel flacher.

00:27:00: Ich glaube, dass es da die Möglichkeit gibt,

00:27:04: dem entgegenzuwirken, weil ich habe noch nie irgendwer

00:27:07: getroffen, der wirklich ein Interesse hat, dass die

00:27:12: Welt überall genau gleich aussieht.

00:27:15: Also ich glaube, es gibt eine gewisse, ein

00:27:22: Streben in allen von uns, dass wir die

00:27:29: Dinge schön finden, die wir kennen.

00:27:32: Also da gibt es so eine Daumenregel, dass

00:27:37: wenn es uns noch nicht gegessen hat, ist

00:27:39: es auf jeden Fall nicht gefährlich.

00:27:42: Das heißt, das muss, das gefällt uns ganz

00:27:46: gut.

00:27:47: Und zusätzlich zu dem, was wir schon kennen,

00:27:50: braucht es eine Portion Neues, weil sonst ist

00:27:53: es uns zu langweilig.

00:27:56: Und wie groß diese Portion ist, hängt davon

00:28:00: ab, wie es uns selber geht.

00:28:03: Wenn wir in Gefahr sind, wollen wir gar

00:28:07: nichts Neues, sondern nur ganz was Kleines.

00:28:11: Oder nur ganz was Kleines.

00:28:13: Wenn wir sehr sicher sind, dann sind wir

00:28:16: mutiger, dann wollen wir eine größere Portion Neues.

00:28:19: Ich glaube, wir alle kennen das von unseren

00:28:21: Kunden.

00:28:22: Wenn die Geschäfte gut gehen, dann kann man

00:28:24: auch mal was wagen.

00:28:25: Wenn die Geschäfte miserabel gehen, probiert man lieber

00:28:28: das, was vor fünf Jahren einmal funktioniert hat.

00:28:33: Ich finde das ganz interessant, weil das auch

00:28:38: natürlich sehr gut belegt, wie Experten als Definition

00:28:46: eine andere Meinung haben wie ein Laie.

00:28:50: Also ein Kunstkritiker wird natürlich eine komplett andere

00:28:56: Meinung für ein Kunstwerk haben wie jemand, der

00:29:00: einmal im Jahr oder alle fünf Jahre ins

00:29:03: Museum geht.

00:29:04: Weil das, was die gesehen haben, komplett anders

00:29:09: ist.

00:29:10: Und der Kunstkritiker natürlich viel, viel mehr gesehen

00:29:13: hat.

00:29:14: Und die Kunstkritikerin braucht eine viel größere Portion

00:29:20: Neues dazu, was für jemand, der alle fünf

00:29:24: Jahre ins Museum geht, überhaupt nicht notwendig ist.

00:29:27: Weil du gerade sagst, dass die Musik zum

00:29:29: Beispiel in dem österreichischen Bergdorf, das ist ja

00:29:32: dann auch was sehr Spezielles.

00:29:33: Und wir sehen ja auch, dass Schönheitsideale sich

00:29:35: je nach Epoche und Kultur wirklich extrem stark

00:29:38: verändert haben.

00:29:41: Gibt es überhaupt sowas wie universelle Prinzipien von

00:29:44: Schönheit oder ist das mehr so eine romantische

00:29:46: Idee von Designern?

00:29:49: Nein, das gibt es.

00:29:50: Ich glaube, es gibt sogar relativ überraschend große

00:29:54: Übereinstimmungen weltweit, was wir schön empfinden und was

00:29:58: nicht.

00:29:59: Und ich rede da wirklich, weil das ist

00:30:01: die einzige Richtung, wo ich mich auskenne, nur

00:30:04: über Schönheit, die von Menschen gestaltet werden kann,

00:30:08: nicht über menschliche Schönheit.

00:30:10: Das wäre ein komplett anderes Thema, wo ich

00:30:13: kein Experte bin.

00:30:14: Aber ich rede von Dingen, die von Menschen

00:30:17: gestaltet werden können.

00:30:18: Also das heißt Design, Architektur, solche Dinge.

00:30:23: Und da würde ich sagen, gibt es ein

00:30:25: paar sehr klare Grundformen.

00:30:28: Also das heißt zum Beispiel, die Lieblingsfarbe von

00:30:31: jeder Kultur weltweit ist blau.

00:30:35: Das kommt sicher von der Tatsache, dass ein

00:30:38: blauer Himmel ein sicherer Himmel ist und ein

00:30:41: blaues Meer ist ein sicheres Meer.

00:30:43: Also von dem her fühlen wir uns sicher,

00:30:47: wenn wir blau sehen.

00:30:50: Und die Lieblingsform der ganzen Welt, auch überall

00:30:56: in jeder Kultur, ist der Kreis.

00:31:01: Viel populärer, sagen wir jetzt mal, wie das

00:31:03: Rechteck.

00:31:04: Also solche Dinge können auf jeden Fall gesagt

00:31:07: werden, aber man kann auch zum Beispiel ganz

00:31:11: klar sehen, man sieht von Umfragen von

00:31:20: Reisemagazinen weltweit, wenn da gefragt wird, welches ist

00:31:27: Ihre schönste Großstadt, kommen immer dieselben zehn Städte

00:31:33: heraus.

00:31:34: Das sind Paris, Rom, Barcelona und so weiter

00:31:41: und so fort.

00:31:42: Das sind immer die gleichen zehn.

00:31:44: Nicht die gleichen, aber in etwa die gleichen

00:31:46: zehn.

00:31:47: Und man sieht das auch, dass alle, die

00:31:51: in den Top 10 sind, sind unglaublich häufig

00:31:56: besucht, ab und zu zu ihrem eigenen Schaden

00:31:59: von Touristen.

00:32:01: Weil die Schönheit Leute anzieht, die in nicht

00:32:04: so schönen Orten wohnen.

00:32:07: Und da gibt es eine Übereinstimmung weltweit, welches

00:32:11: diese Städte sind.

00:32:13: Aber es gibt auch im Einzelnen ganz klare

00:32:17: Beispiele, dass es da Übereinstimmungen gibt.

00:32:20: Hier in New York gibt es New England

00:32:26: Systems Institute, das messen kann, wie schön wir

00:32:34: gewisse Städte finden.

00:32:36: Und da ist ganz klar, die Grand Central,

00:32:40: ein pompöser 19.

00:32:42: Jahrhundert-Bau, wird als viel, viel schöner empfunden

00:32:45: und wir fühlen uns viel besser da drin,

00:32:48: wie Penn Station ein sehr, würde ich jetzt

00:32:56: mal sagen, rein funktionaler 60er-Jahrbau.

00:33:02: Stichwort funktionaler Bau.

00:33:03: Also die Farbe Blau und der Kreis.

00:33:07: Du hast ja sozusagen wissenschaftlich fundiert, dir das

00:33:11: Wissen angeeignet, wie man schöne Dinge macht oder

00:33:15: was eigentlich schön ist.

00:33:16: Es gibt ja aber durchaus auch viele Designer,

00:33:19: die sagen, gutes Design muss funktional sein, muss

00:33:24: Probleme lösen.

00:33:25: Würdest du sagen, dass Design auch manchmal einfach

00:33:27: nur schön sein darf?

00:33:30: Oder müssen wir immer irgendwas lösen?

00:33:32: Ist Schönheit allein zu wenig?

00:33:35: Also ich glaube, in den meisten Fällen nicht.

00:33:38: Es gibt ein paar Ausnahmen, aber in den

00:33:41: meisten Fällen muss Design funktionieren.

00:33:44: Aber die Leute, die Designer, die sagen, ich

00:33:48: bin ein Problemlöser und Ästhetik interessiert mich nicht,

00:33:52: sind, glaube ich, ohne dass sie es selber

00:33:55: so verstehen, einfach faul.

00:33:57: Weil die Probleme, die wir zu lösen haben,

00:34:00: sind in den meisten Fällen unglaublich einfach zu

00:34:03: lösen.

00:34:04: Also sage ich mal, wenn ich jetzt einen

00:34:05: Stuhl anschaue, wenn ich einen Stuhl gestalten muss,

00:34:09: der nur funktional sein muss, kann ich heute

00:34:14: Nachmittag 100 funktionale Stühle gestalten, die ergonomisch funktionieren,

00:34:19: weil ich weiß die optimale Sitzhöhe, ich weiß

00:34:22: den optimalen Winkel der Lehne und ich habe

00:34:27: ein bisschen Erfahrung mit Materialien, da kann ich

00:34:29: 100 von denen machen.

00:34:30: Wenn ich jetzt aber einen Stuhl gestalten muss,

00:34:33: der schön sein muss, funktional und gleichzeitig auch

00:34:38: ein Recht haben muss, in 2026 da zu

00:34:44: sein, dann habe ich ein komplett anderes Problem,

00:34:47: weil dann muss ich mich vergleichen mit 5000

00:34:51: Jahre Stuhlgeschichte.

00:34:53: Und das ist eine der schwierigsten Designaufgaben überhaupt.

00:34:58: Auch für einen Superdesigner ist das wahnsinnig schwer,

00:35:02: einen guten, schönen, funktionalen Stuhl in 2026 zu

00:35:09: gestalten.

00:35:10: Unglaublich schwer.

00:35:15: Und das lässt sich so eigentlich auf ziemlich

00:35:18: alles ausbreiten und deklarieren.

00:35:23: Das ist eine komplett andere Aufgabe.

00:35:27: Und ich glaube auch, dass schöne Dinge nicht

00:35:34: von selber schön werden.

00:35:36: Es gab ja gerade im Modernismus ein missverstandenes

00:35:41: Diktum, das heißt Form equals Function.

00:35:49: Das war von dem, der es gesagt hat,

00:35:51: von Sullivan in Chicago, komplett anders gemeint.

00:35:54: Viele Leute, viele Architekten, aber auch Designer im

00:35:58: Modernismus haben das so verstanden, dass wenn es

00:36:03: super funktioniert, ist es automatisch schön.

00:36:07: Und das stimmt einfach nicht.

00:36:09: Das stimmt einfach nicht.

00:36:11: Etwas, was super funktioniert, kann auch wirklich super

00:36:16: funktionieren, muss aber trotzdem überhaupt nicht schön sein.

00:36:21: Ein verrosteter Dachablauf kann noch ausgezeichnet funktionieren, muss

00:36:30: deshalb aber gar nicht schön sein.

00:36:35: Und darum glaube ich, dass Dinge, die schön

00:36:38: sind, die werden nur schön, wenn der Designer

00:36:43: und die Designerin das wollen und daran arbeiten,

00:36:48: dass das schön wird.

00:36:49: Und das ist ein schwieriger Prozess.

00:36:52: Und das muss in praktisch allen Fällen auch

00:36:56: funktionieren.

00:36:57: Es gibt ein paar Ausnahmen, auch historisch.

00:36:59: Die Ming-Vasen, die sind schön, aber die

00:37:02: haben nie funktioniert.

00:37:04: Es gab nie irgendwer, der irgendwas in die

00:37:06: Ming-Vasen, also weder Blumen noch sonst was

00:37:09: hineingegeben hat, obwohl das ein Design ist.

00:37:12: Und da gibt es einige andere Beispiele.

00:37:20: Viele nachwachsende Designer lernen Design heute über Templates

00:37:26: und Tutorials und Prompts.

00:37:28: Also es findet ja ganz, ganz viel am

00:37:29: Bildschirm statt.

00:37:31: Es wird, glaube ich, viel weniger wirklich ausprobiert.

00:37:35: Glaubst du, dass man Kreativität und Design überhaupt

00:37:38: noch wirklich so lernen kann?

00:37:40: Oder lernt man so vor allem Stile eigentlich

00:37:43: nur zu reproduzieren, weil man wieder auf etwas

00:37:46: zurückgreift, was ja sozusagen schon im digitalen Werkzeugkasten

00:37:49: da ist?

00:37:51: Bin mir nicht sicher.

00:37:53: Also ich glaube, mein bestes Bild vom Designer

00:38:03: in ein paar Jahren, vielleicht schon nächstes Jahr,

00:38:11: ist eine Art Thibaut Kalman-Figur.

00:38:14: Also Thibaut Kalman war mein Boss, bevor ich

00:38:17: mein Studio aufgesperrt habe.

00:38:19: Und der konnte eigentlich nicht designen.

00:38:22: Der war der Chef von M&Co, was

00:38:25: damals mein Lieblingsdesignstudio in New York sicher, aber

00:38:31: wahrscheinlich sogar in den ganzen Vereinigten Staaten war.

00:38:35: Und Thibaut hat immer behauptet, er weiß nicht,

00:38:39: was Helvetica ist, aber er wusste, was Helvetica

00:38:41: ist.

00:38:41: Das war dann auch ein bisschen was Aufgesetztes.

00:38:45: Aber Thibaut war sehr charismatisch, hatte auch

00:38:57: gute Ideen, aber wusste, wie diese Ideen verteidigt

00:39:03: werden können, hatte viel Geschmack und viel Stil.

00:39:09: Und ich glaube, also ich könnte mir vorstellen,

00:39:13: oder Rick Rubin wäre eine andere Möglichkeit im

00:39:17: Musikbereich.

00:39:18: Nur den Rick kenne ich nicht persönlich, den

00:39:19: Thibaut kannte ich ganz gut.

00:39:22: Also ich könnte mir vorstellen, dass ein Designer

00:39:26: so oder eine Designerin so eine Figur werden

00:39:30: kann.

00:39:30: Aber ich glaube auch, dass es davon viel

00:39:32: weniger brauchen wird.

00:39:33: Also ich glaube, die kreative

00:39:43: Profession insgesamt, aber Design im Speziellen, haben ja

00:39:48: auch in der Vergangenheit leider Gottes neue Technologie

00:39:54: meistens für schneller und billiger eingesetzt, als für

00:39:58: besser und neuer und interessanter.

00:40:01: Und wir sehen das jetzt ja ganz, ganz

00:40:05: stark mit der KI, dass das meiste, was

00:40:09: gemacht wird oder fast alles, was gemacht wird,

00:40:12: ist jetzt halt möglich, weil es auch ohne

00:40:15: großes Budget gemacht werden kann.

00:40:18: Und es kann viel schneller gemacht werden mit

00:40:20: weniger Skill, aber ganz wenig davon ist besser

00:40:25: oder neuer.

00:40:26: Aber ich glaube, das wird kommen.

00:40:29: Also ich hoffe natürlich, dass es Leute geben

00:40:35: wird, und ich sehe da schon Anfänge, die

00:40:38: diese unglaublich starke neue Technologie für das Neue

00:40:44: und Bessere einsetzen.

00:40:47: Würdest du dann sagen, dass der wirkliche Wert

00:40:51: von Kreativität in der Zukunft vielleicht gar nicht

00:40:53: mehr darin liegt, etwas zu produzieren, sondern mehr

00:40:57: quasi zu kuratieren, weil die KI ganz viel

00:41:02: von der Produktion sozusagen übernimmt?

00:41:05: Ja, also ich glaube trotzdem, dass wir immer

00:41:08: noch Dinge haben wollen.

00:41:10: Also ich glaube, das ist Teil des Menschseins,

00:41:14: dass wir, also teilweise brauchen wir Dinge natürlich.

00:41:21: Klar, es kommt darauf an, inwieweit wir in

00:41:25: die Zukunft schauen.

00:41:27: Also gewisse Dinge werden natürlich von einer KI

00:41:32: im Zusammenhang mit irgendeiner robotartigen Maschine hergestellt werden

00:41:40: können.

00:41:41: Gewisse Dinge sind da draußen von denen.

00:41:47: Das Kuratieren oder also Stillgeschmack und diesen verteidigen

00:41:53: zu können, Charisma wird sicher wichtiger sein.

00:42:02: Wenn wir da mal davon ausgehen, dass die

00:42:04: KI irgendwann die perfekten Lösungen zu allem liefern

00:42:08: kann, würdest du die Zukunft der Kreativität eher

00:42:12: darin sehen, die richtigen Fragen zu stellen an

00:42:15: die KI und die KI dann produzieren zu

00:42:17: lassen oder der KI quasi die richtigen Antworten

00:42:20: vorzugeben?

00:42:20: Wie siehst du diese Konversation?

00:42:22: Also es funktioniert ja in beide Richtungen.

00:42:24: Ich nehme an, beides.

00:42:26: Also es gibt ja jetzt schon professionelle Prompter.

00:42:32: Ich habe mit einem jungen Design Group Head

00:42:37: aus England gesprochen, der so 30 Leute Designfirma

00:42:44: hat.

00:42:44: Er sagt, seine erste Frage im Interview ist,

00:42:47: what's your favorite prompt?

00:42:51: Also da geht sich jetzt viel in die

00:42:55: Richtung.

00:42:56: Wobei, wenn ich jetzt die Arbeiten von seinem

00:42:58: Studio anschaue, das ist alles noch in dem

00:43:03: schneller und billiger Bereich.

00:43:10: Aber ich habe auch hier und da Arbeiten

00:43:14: gesehen, die im neuer Bereich sind.

00:43:17: Also wo Dinge entstehen, die davor nicht möglich

00:43:20: waren.

00:43:21: Und es wird wahrscheinlich in alle Richtungen gehen.

00:43:24: Natürlich gibt es einen Markt für Dinge, die

00:43:28: früher 100x gekostet haben und jetzt nur 1x

00:43:33: kosten.

00:43:35: Klar gibt es das oder so.

00:43:37: Ich finde es nur nicht so interessant.

00:43:39: Viele kreative Branchen feiern zwar Originalität, aber gleichzeitig

00:43:44: werden Ideen durch ganz viel Research, Methoden, Marktlogik,

00:43:48: Kunden, Algorithmen und all das geglättet.

00:43:52: Sind kreative Industrien heute konservativer, als sie selbst

00:43:56: vielleicht glauben?

00:43:57: Weil wir tun ja alle immer so, als

00:43:58: seien wir auf der Suche nach dem next

00:44:01: new shit.

00:44:02: Aber in Wirklichkeit fühlt sich das alles oft

00:44:05: sehr viel more of the same an und

00:44:09: alles andere als neu.

00:44:16: Also da habe ich den Eindruck, dass die

00:44:18: Werbebranche im Speziellen schon sehr sich eigentlich gegen

00:44:28: Verwandlungen sträubt.

00:44:33: Also ich würde mal sagen, dass das einzige

00:44:38: Mal, wo ich wirklich in der Werbebranche gearbeitet

00:44:40: habe, war vor meinem Studio, als ich ein

00:44:44: kleines Designstudio in Hongkong für Leo Burnett aufgemacht

00:44:47: habe.

00:44:48: Und wenn ich damals auf eine Werbekonferenz gegangen

00:44:52: bin, dann haben die meisten Sprecher und Sprecherinnen

00:44:55: von der großen Idee gesprochen.

00:44:59: Jetzt, das war 40 Jahre her, 40 Jahre

00:45:02: später, bin ich nicht mehr häufig auf Werbeveranstaltungen,

00:45:08: aber hier und da dann doch.

00:45:09: Und da gibt es immer noch Sprecher, die

00:45:11: von der großen Idee sprechen.

00:45:14: Obwohl in der Zwischenzeit mindestens 50% aller

00:45:19: Werbebudgets von Leuten wie Google und Facebook eingenommen

00:45:23: werden, die das Ganze ohne, komplett ohne Idee

00:45:27: machen, sondern einfach Dinge liefern, Texte liefern zur

00:45:31: richtigen Zeit an die richtige Person.

00:45:34: Oder dem zumindest näher kommen und das komplett

00:45:37: ohne große Idee machen.

00:45:40: Also da gibt es sicher Diskrepanzen, die nicht

00:45:46: eingebaut worden sind.

00:45:47: Ich glaube auch, dass natürlich eine Person, die

00:45:56: in der Werbung wirklich gut ist, eine Person

00:45:58: ist, die wirklich gut verkaufen kann und eine

00:46:02: Person ist, deren der Verkauf wirklich sehr am

00:46:06: Herzen liegt.

00:46:08: Jetzt habe ich in der Werbung wahnsinnig viele

00:46:10: Leute getroffen, denen der Verkauf, gerade in den

00:46:13: Kreativabteilungen von Werbeagenturen, denen der Verkauf des Produktes

00:46:18: komplett egal ist, sondern die eigentlich einen grauenhaften

00:46:23: halben Löwen im Kahn gewinnen wollen.

00:46:26: Und das ist das Hauptziel ihres Daseins.

00:46:30: Und das finde ich natürlich auch sehr traurig.

00:46:34: Das ist dann wieder das Gegenteil von Form

00:46:37: follows function in eine andere Branche übersetzt.

00:46:40: Ja, da ist aber auch die Voraussetzung, dass

00:46:46: man bereit ist, so ein bisschen zu polarisieren,

00:46:47: wenn man was Neues machen will.

00:46:50: Und da gibt es ja auch diesen schönen

00:46:51: Spruch, der ist ja von Howard Lagostich, ich

00:46:53: bin mir gerade nicht sicher.

00:46:55: Aber ansonsten unterstelle ich ihm einen guten Spruch.

00:46:58: Lieber 20 Prozent der Zielgruppe erreichen und wirklich

00:47:01: bewegen, als 100 Prozent verfehlen, weil es allen

00:47:05: egal ist.

00:47:06: Ja, das ist immer eine Schwierigkeit, weil diese

00:47:12: Aufmerksamkeit, die irgendeine Publikation, irgendein Ding in einem

00:47:21: Meeting bekommt, bekommt sie ja nie draußen.

00:47:26: Es steht ja niemand vor einer Plakatwand und

00:47:30: diskutiert das für eineinhalb Stunden.

00:47:34: Und da gibt es große Unterschiede.

00:47:37: Aber ich glaube, da gibt es Fehler in

00:47:39: allen Richtungen.

00:47:41: Ist die Angst vor Ablehnung generell einer der

00:47:43: größten Feinde von Kreativität?

00:47:45: Ja, die Angst vor Ablehnung, glaube ich, hat

00:47:47: sehr viel damit zu tun, als geht es

00:47:49: in die Mutrichtung hinein.

00:47:52: Oder dass man lieber irgendwas nicht macht, weil

00:47:56: man das Nein nicht hören will.

00:48:01: Ich weiß von meinem eigenen Leben, sowohl vom

00:48:07: Leben als auch vom Design, dass nicht 100

00:48:17: Prozent, aber ich würde sagen mal von 19

00:48:21: Mal, wenn es mir möglich ist, über meinen

00:48:24: eigenen Schatten zu springen und mutiger zu sein,

00:48:27: als ich das normalerweise wäre, funktioniert das gut

00:48:31: 19 Mal von 20 Mal.

00:48:33: Das heißt, 19 Mal kommt da was Besseres

00:48:37: raus.

00:48:39: Das ist nicht nur im Design so, sondern

00:48:43: das ist auch im Leben so.

00:48:44: Wenn ich den Mut habe, einer Person zuzugehen,

00:48:46: wenn ich den Mut habe, irgendwen zu kontaktieren,

00:48:49: wo es mir mulmig ist, die Person zu

00:48:51: kontaktieren und so weiter und so fort, das

00:48:53: funktioniert meistens.

00:48:56: Obwohl ich das weiß, kann ich es trotzdem

00:48:59: nicht immer machen.

00:49:00: Da kommt man wieder auf die Kurve zurück.

00:49:03: Das gelingt mir öfters, wenn ich auf der

00:49:05: Höhe dieser Sinuskurve bin und weniger oft, wenn

00:49:10: ich in der tieferen Seite der Sinuskurve bin.

00:49:12: Wenn man an so total verrückte, polarisierende, kreative

00:49:17: Ideen und Umsetzungen denkt, dann hat man ja

00:49:19: eher die jungen Wilden im Kopf, die sich

00:49:23: gar nichts scheißen und einfach raushauen.

00:49:26: So wie du bei deiner Studieeröffnungspostkarte.

00:49:29: Würdest du sagen, Kreativität wird mit dem Alter

00:49:33: besser oder eher vorsichtiger?

00:49:35: Du meinst ja gerade, du hast schon durch

00:49:38: die Erfahrung, dass es funktioniert in den Jahren,

00:49:42: ein ganz anderes Vertrauen in dich selber, oder?

00:49:50: Ja, das ist so ein Ding.

00:49:52: Ich glaube natürlich, da gibt es auch wieder

00:49:56: so eine Lebenskurve, dass man am Anfang provokativer

00:50:04: ist, dann dadurch, dass man besser wird, mit

00:50:08: was funktioniert und was.

00:50:11: Und auch nächtiger wird, man kann das besser

00:50:15: publizieren.

00:50:18: Ich kann bei mir

00:50:25: sagen, ich bin sicher ruhiger geworden, positiver geworden,

00:50:35: mein Bestreben zu provozieren ist viel kleiner bis

00:50:44: wahr.

00:50:49: Fühlt sich für mich natürlich an.

00:50:54: Ich habe jetzt da nicht das Gefühl, mein

00:50:56: Gott, bist du brav geworden, wobei das wahrscheinlich

00:51:00: stimmen würde.

00:51:03: Sag ich mal so, ich bin eigentlich nicht

00:51:05: zufrieden damit.

00:51:07: Ich habe jetzt nicht das Gefühl, ich müsste

00:51:12: da nochmal wirklich Provokantes machen.

00:51:19: Habe ich nicht das Gefühl.

00:51:21: Du hast mal gesagt, Glück und Sinn sind

00:51:24: nicht dasselbe.

00:51:27: Ist deine Arbeit für dich eher etwas, was

00:51:29: Sinn bringt oder was Glück bringt?

00:51:30: Ja, das haben wir eben in der Beauty

00:51:37: Show besprochen.

00:51:39: Eine angenehme Definition von Glück ist, das Glück

00:51:43: nach Zeiten zu unterteilen.

00:51:48: Das heißt, es gibt das sehr kurze Glück,

00:51:50: das vielleicht nur einen Sekundenteil ausgibt.

00:51:54: Also das kann der Glücksmoment sein oder das

00:51:57: kann ein Orgasmus sein oder das geht in

00:51:59: die Richtung.

00:52:00: Das gibt das mittellange Glück, das stundenlang anhängt

00:52:04: wie die Zufriedenheit.

00:52:06: Auf der Couch mit dem Hund, am Sonntagnachmittag

00:52:08: mit der Zeitung.

00:52:09: Und es gibt das lebenslange Glück.

00:52:13: Das heißt, man findet für was man da

00:52:16: ist in diesem Leben.

00:52:18: Das Dritte hat mit dem Ersten praktisch gar

00:52:22: nichts zu tun.

00:52:23: Ein Organ zu finden, für das man da

00:52:28: ist im Leben, sind zwei verschiedene Dinge.

00:52:32: Aber das dritte, das lebenslange Glück, hat natürlich

00:52:35: sehr viel mehr mit Sinn zu tun.

00:52:41: Mein Thema, an dem ich jetzt seit sechs,

00:52:43: sieben Jahren arbeite, ist ja auch Langzeitdenken.

00:52:48: Und das hat sehr viel mit Sinn zu

00:52:50: tun.

00:52:51: Also das hat als Thema mit Sinn zu

00:52:53: tun, aber auch für mich mit Sinn zu

00:52:56: tun, weil ich glaube, dass ich eben die

00:53:01: kommerziellen Arbeiten, von denen habe ich genug gemacht.

00:53:05: Ich kann aber, ich kann die Sprache des

00:53:10: Designs sprechen und versuche jetzt Dinge zu kommunizieren

00:53:15: mit Design, die so sonst nicht kommuniziert werden.

00:53:20: Es gibt natürlich Leute, andere Leute, die über

00:53:24: die Langzeit nachdenken.

00:53:26: Von Brian Eno bis zum Stuart Brand, bis

00:53:29: zum Steven Pinker, da gibt es einige, die

00:53:31: da ausgezeichnet darüber nachdenken, die auch einen großen

00:53:34: Einfluss auf mich haben.

00:53:36: Aber ich glaube, mit der Sprache des Designs

00:53:38: kann ich dann nochmal was anderes kommunizieren oder

00:53:41: kann andere Leute ansprechen, die die nicht ansprechen

00:53:44: können.

00:53:45: Und von dem her macht es Sinn für

00:53:48: mich im wahrsten Sinne des Wortes.

00:53:50: Cool.

00:53:51: Ja, eine Stunde, ein wunderbares Gespräch mit Stefan

00:53:55: Sargmeister fällt dann in die mittlere Kategorie Zufriedenheit,

00:53:58: oder?

00:53:59: Weil es ist ein bisschen länger als der

00:54:00: kurze Thrill.

00:54:01: Ja, ja, ja.

00:54:04: Ja, absolut.

00:54:05: Also wäre da drin, falls ich es schlüssig

00:54:09: gemacht habe.

00:54:11: Ja, nur da.

00:54:13: Stefan, vielen, vielen Dank.

00:54:15: Ganz großartig, dich mal wieder zu sprechen.

00:54:19: Gibt es noch irgendetwas, was du loswerden möchtest?

00:54:23: Vielleicht auch irgendwas, was du den Leuten, sowohl

00:54:26: jungen Designern als auch Menschen aus dem Marketing

00:54:29: mitgeben würdest, wie man aus der Sea of

00:54:32: Sameness auftaucht wieder und es schafft, Less of

00:54:36: the Same zu machen?

00:54:39: Also was für mich immer gut funktioniert hat,

00:54:42: ist, über ein Projekt nachzudenken mit einem

00:54:52: Beginn, der mit dem Projekt gar nichts zu

00:54:55: tun hat.

00:54:56: Also das heißt, ich muss eine Sonnenbrille gestalten,

00:54:59: weil ich sehe, du hast eine Sonnenbrille auf.

00:55:02: Und anstatt, dass ich mir tausends andere Sonnenbrillen

00:55:06: anschaue, fange ich mit der Gestaltung der Sonnenbrille

00:55:11: an mit einer Rauchwolke, weil ich gerade Wolke

00:55:18: sehe draußen und versuche mit diesem Beginn Rauchwolke,

00:55:23: die Sonnenbrille zu gestalten.

00:55:25: Am Schluss werde ich wieder Sonnenbrille haben, aber

00:55:28: ich zwinge das Hirn, auf einen anderen Weg

00:55:31: zu gehen, wie der, den mir das Hirn

00:55:38: geben wird, nämlich die Synapsen, die schon verbunden

00:55:42: sind.

00:55:44: Und das ist normalerweise eine ganz gute Möglichkeit,

00:55:47: auf eine andere Richtung zu kommen.

00:55:51: Alright, wenn das nicht funktioniert, Sabbatical.

00:55:53: Nur nicht alle gleichzeitig, sonst crasht die Wirtschaft.

00:55:56: Ganz genau, ganz genau.

00:55:58: Stefan, vielen, vielen Dank.

00:56:00: Ich danke dir auch.

00:56:00: Viele Grüße nach Wien.

00:56:01: Bis bald.

00:56:02: Tschüss.

00:56:02: Tschau.

00:56:03: Servus.

00:56:07: Vielen, vielen Dank fürs Zuhören, fürs Dranbleiben.

00:56:11: Wenn euch die Folge gefallen hat, dann hört

00:56:13: euch auf jeden Fall alle anderen Folgen mindestens

00:56:16: auch noch an.

00:56:18: Abonniert auch die Glocke, damit ihr zukünftige Folgen

00:56:21: nicht verpasst.

00:56:22: Wir freuen uns über Likes, Shares.

00:56:24: You know the game.

00:56:25: Wir heißen zwar Less of the Same, aber

00:56:27: was Algorithmen angeht, gilt für uns genau das

00:56:29: Gleiche wie für alle anderen.

00:56:31: Bis zur nächsten Folge.

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